Ein Prophet
Drama, Frankreich / Italien 2009, 155 Minuten, ab 16
Originaltitel: Un prophète; Deutschlandstart: 11.03.2010 (Sony Pictures); Regie: Jacques Audiard; Produktion: Lauranne Bourrachot, Martine Cassinelli u.a.; Drehbuch: Thomas Bidegain, Jacques Audiard; Musik: Alexandre Desplat; Kamera: Stéphane Fontaine; Schnitt: Stéphane Fontaine

mit Tahar Rahim (Malik El Djebena), Niels Arestrup (César Luciani), Adel Bencherif (Ryad), Hichem Yacoubi (Reyeb), Reda Kateb (Jordi), Jean-Philippe Ricci (Vettori), Gilles Cohen (Prof), Antoine Basler (Pilicci), Leïla Bekhti (Djamila), Pierre Leccia (Sampierro), Foued Nassah (Antaro), Jean-Emmanuel Pagni (Santi), Frédéric Graziani (Chef de détention), Slimane Dazi (Lattrache), Rabah Loucif (L'avocat de Malik) u.a.

Filmplakat
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Malik El Djebena wird zu einer 6jährigen Haftstrafe verurteilt. Der einflussreiche César macht Malik zu seinem Bedientesten. Zigeuner Jordi erzählt Malik von lukrativen Geschäften. Malik darf das Gefängnis für einen Tag verlassen.

Ein Prophet wurde beim Filmfestival in Cannes 2009 mit dem „Großen Preis der Jury“ ausgezeichnet und erhielt zudem neun Césars, unter anderem als bester französischer Film des Jahres und für den besten Hauptdarsteller Tahar Rahim.

Plot: Als der 19-jährige Malik (grandios: Tahar Rahim) ins Gefängnis eingeliefert wird, wo er eine sechsjährige Haft verbüßen muss, ist er allein und verstört. Welches Verbrechen er begangen hat oder ob er womöglich unschuldig ist, wird nicht erzählt. Über seine Vergangenheit erfahren wir nur so viel, wie uns die vielen Narben auf seinem Rücken verraten. Innerhalb der brutalen Gefängniswelt, die nach ihren eigenen Regeln und Riten funktioniert, ist er zumindest ein leichtes Opfer, da er für sich allein steht, ohne Anschluss zu einer der verschworenen Gruppen und Banden. Als der mächtige Unterwelt-Boss Cesar Luciani (Niels Arestrup), der mit seinem korsischen Gangster-Mob das Knastleben kontrolliert, auf den Neuling aufmerksam wird, ist das für Malik Segen und Fluch zugleich. Zwar stellt César dem jungen Araber seinen Schutz in Aussicht, dafür muss dieser jedoch einen arabischen Mithäftling namens Reyeb (Hichem Yacoubi) ausschalten, der im Begriff ist, in einem Mafia-Prozess als Kronzeuge auszusagen.
Für Malik bedeutet der faustische Pakt mit dem brutalen Cesar und seiner Bande nur vordergründig Sicherheit, denn er ist zum einen den gefährlichen Launen seines Mentors ausgeliefert, zum anderen sitzt er bald zwischen allen Stühlen: Von Césars Leuten rassistisch geschmäht, ist er auch für die arabischen Häftlinge nur ein Günstling der Korsen. Doch Malik besitzt eine Eigenschaft, die ihm in der Unterwelt voran bringt: Er lernt sehr schnell.

Kritik: Dass Regisseur Jacques Audiard seinen neuen Film als eine Art „Anti-Scarface“ bezeichnet hat, ist leicht nachvollziehbar: Schmucklos und authentisch in seiner Inszenierung, hat Ein Prophet nichts mit der schillernd-exzentrischen Mafiawelt aus Brian de Palmas Scarface-Remake gemein, auf das sich Audiard bezieht. Seine Hauptfigur ist zudem kein Psychopath wie Pacinos Joe Montana, sondern vielmehr ein Sympathieträger – wodurch die moralischen Implikationen des Films auch erst wirksam werden.
Ein Prophet ist in seiner Mischung aus Gangster-Epos, Gefängnisfilm und Moral-Drama ein klassischer Genrefilm von ungemeiner Intensität, der man sich nicht entziehen kann und die beinahe physisch wirkt – wie ein Schlag in die Eingeweide.

Das liegt zum einen an der brillant-lakonischen Inszenierung, aus der nicht zuletzt die meisterhaft klaustrophobische Kameraarbeit hervorsticht, die das trostlose Knast-Dasein in kalte Farben taucht, und zum anderen an den großartigen Darstellern. Niels Arestrup spielt den kaltblütigen César mit furchterregender Präsenz, während Newcomer Tahar Rahim mit nuanciertem Understatement perfekt den nach außen hin verschlossenen Malik verkörpert, der seine Gefühle und Gedanken hinter einem Pokerface verbergen muss, wenn er überleben will. Es sind die kleinen Details und Gesten, das anfängliche Wegducken vor der Bedrohung, das spätere Kalkül des zunehmend kaltblütigen Aufsteigers, die Rahims Performance so überzeugend machen. Der Vergleich mit Al Pacino, und zwar in dessen Rolle als Michael Corleone im ersten Teil des Paten, liegt nicht nur aufgrund der charismatischen Ausstrahlung Rahims nahe: die korrumpierende Verlockung der Macht, die die harmlosen Grünschnabel Malik und Michael in skrupellose Gangster verwandelt.
Ob Malik heil aus dem Gefängnis herauskommt, ist bald weniger entscheidend als die Frage, was er dafür tun muss. Das moralische Dilemma, das für den Zuschauer sehr nuanciert und unaufdringlich ausgearbeitet und nachvollziehbar gemacht wird, personifiziert sich für Malik in seinem ersten Opfer Reyeb, der ihn fortan als eine Art Geist durch die Handlung begleitet und die Zukunft voraussagen kann. Diese verwegene Mischung aus realistischem Drama und mystischer Überhöhung funktioniert überraschend gut, was vor allem damit zusammenhängt, dass der Film sich seinem religiösen Subtext zum Trotz einfachen Antworten oder Verurteilungen verweigert. Was leicht zur pädagogischen Moralkeule oder schablonenhaften Sündenfall-Parabel hätte werden können, wird durch Jacques Audiards subtile Regie zu einer meisterhaften Gewalt- und Machtstudie, deren surreale Elemente zu einem komplexen Gesamtbild eines faszinierenden Charakters beitragen, der sich eine Offenheit und Rätselhaftigkeit bewahrt und gerade dadurch zu einer der großen und interessantesten Figuren des Gangsterfilm-Genres wird. Wenn gegen Ende eine englischsprachige Cover-Version des alten Kurt Weill-Klassikers „Mackie Messer“ aus Brechts „Dreigroschenoper“ erklingt, dann weiß der Zuschauer längst, dass sich hinter dem unschuldigen Lächeln Maliks noch etwas anderes verbirgt.

Fazit: Der beste Film des Jahres und ein zukünftiger Genre-Klassiker – 10 von 10 Zähnen im Gesicht des Haifischs!

Dominik Rose
14.03.2010

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