Zeiten des Aufruhrs
Drama, USA/Großbritannien 2008, 119 Minuten, ab 12, Prädikat: Besonders Wertvoll
Originaltitel: Revolutionary Road; Deutschlandstart: 15.01.2009 (Piffl); Regie: Sam Mendes; Produktion: Gina Amoroso, Bobby Cohen u.a.; Drehbuch: Justin Haythe nach dem Roman von Richard Yates; Musik: Thomas Newman; Kamera: Roger Deakins; Schnitt: Tariq Anwar

mit Leonardo DiCaprio (Frank Wheeler), Kate Winslet (April Wheeler), Michael Shannon (John Givings), Ryan Simpkins (Jennifer Wheeler), Ty Simpkins (Michael Wheeler), Kathy Bates (Mrs. Helen Givings), Richard Easton (Mr. Howard Givings), Kathryn Hahn (Milly Campbell), Zoe Kazan (Maureen Grube), Kristen Connolly (Mrs. Brace), John Behlmann (Mr. Brace) u.a.

Filmplakat
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Plot: Basierend auf einem erstklassigen Roman von Richard Yates, erzählt Zeiten des Aufruhrs die Geschichte des jungen Ehepaares Frank und April Wheeler (Leonardo DiCaprio und Kate Winslet im ersten gemeinsamen Film nach Titanic), das in den fünfziger Jahren am eintönigen Leben in einer Vorstadtsiedlung in Connecticut und vor allem an sich selbst scheitert.
Das Leben in der Revolutionary Road (so auch der Originaltitel des Films) ist geprägt von Konformität, behaglichem Nachkriegswohlstand und öder Langeweile. Dabei waren sich Frank und April, die sich Ende der vierziger Jahre auf einer bohèmen Cocktailparty in Manhattan so verheißungsvoll kennen lernten, stets sicher, eigentlich für ein aufregenderes Leben bestimmt zu sein. In der Realität, sieben Jahre und zwei Kinder später, findet sich die zwischen Resignation und Verzweiflung pendelnde April am heimischen Herd wieder, als funktionierende Ehefrau und Mutter. Ihr künstlerischer Ausbruchsversuch in einer örtlichen Laien-Theatergruppe gerät zum peinlichen Reinfall. Ehegatte Frank geht es auch nicht besser, findet er sich allen hochtrabenden Plänen zum Trotz doch als grauer Büroangestellter in jener New Yorker Firma für Büromaterialien wieder, in der schon sein Vater arbeitete. Anscheinend, um sich von der Belanglosigkeit seiner Arbeit abzulenken, beginnt er eine uninspirierte Affäre mit seiner Sekretärin, der verhuschten Maureen (Zoe Kazan).
Nach einem der zunehmend hässlichen Ehestreits kommt April die Eingebung: Ein neues Leben in Paris, für sich und die Familie, könnte die Rettung aus dem trostlosen Alltagstrott bedeuten. Doch die Vorstadt lässt die Beiden nicht so schnell los.

Kritik: Richard Yates erweist sich in der Romanvorlage, die erstmalig 1961 in den USA erschien, als meisterhafter Beobachter eines schleichenden Verfalls. Im gleichen Maße, wie die psychologischen Kleinkriege der Wheelers, der ganz normale Ehe-Wahnsinn, skizziert und bloßgelegt werden, ist seine Geschichte auch ein Porträt der amerikanischen Ostküste-Gesellschaft der fünfziger Jahre.
An einer genauen Beobachtungsgabe mangelt es Regisseur Sam Mendes nicht, der ja schon in American Beauty vor einigen Jahren – allerdings um einiges satirischer – von einer häuslichen Tragödie hinter der hübschen Wohlstands-Fassade erzählt hat.

Die Details sind allesamt stimmig: Die Figuren in ihren zeitgenössischen Anzügen und Kostümen, großspurig auftrumpfende Ehemänner und häusliche Ehefrauen mit angepassten Lebensentwürfen, der Strom grauer, mit Hüten drapierter Flanellanzugträger durch die Halle der Grand Central Station, die gesellschaftlichen Umgangsformen auf den populären Cocktailpartys, der exzessive Genuss von Zigaretten und Martinis, bis hin zu den unerfüllten Träumen – ein Leben in Paris! – Das alles sieht genau so aus, wie man sich die fünfziger Jahre so vorstellt. Genau genommen sieht es so aus, wie wir es in unzähligen Filmen der fünfziger Jahre schon gesehen haben. Das Problem ist nur, irgendwie bleibt die Handlung in diesem sorgsam rekonstruierten, altmodischen Ambiente stecken, ohne so recht zu Leben zu erwachen.
Die Wheelers, die sich in der Tat mit ihren wiederholten Auseinandersetzungen – nomen est omen – immer um sich selbst drehen, kennen kaum eine Nuance zwischen übertrieben offerierter Herzlichkeit und selbstzerstörerischen Wutanfällen. Die feinen Zwischentöne und schleichenden Entwicklungen, die in der Romanvorlage kunstvoll herausgearbeitet sind, sind in Mendes filmischer Umsetzung leider verloren gegangen. Dabei fehlt es nicht an filmischen Raffinessen: Wenn sich Frank und April am späten Abend vor den Scheinwerfern ihres Autos in die Haare kriegen, liegt die symbolische Botschaft, das die Beiden letztlich eine von der Gesellschaft diktierte Rolle spielen, nahe. Doch das alles bleibt seltsam auf Distanz, ganz im Gegensatz zum thematisch verwandten Wer hat Angst vor Virginia Woolf?, in dem sich Elizabeth Taylor und Richard Burton Mitte der sechziger Jahre eine furiose Ehe-Schlacht lieferten, die tatsächlich an die Nieren geht.
Die Nebencharaktere, die das Leben der Wheelers flankieren, bleiben seltsam blass und uninteressant, seien es die befreundeten Nachbarn, die aufdringliche Maklerin oder die auf verhuschtes Betthäschen reduzierte Sekretärin.
Etwas Schwung kommt recht spät doch noch mit John Givings (hervorragend: Michael Shannon), dem nervenkranken Sohn der Wohnungsmaklerin, in die Handlung, der den Wheelers – in einer etwas klischeehaften Logik – als diagnostizierter Geisteskranker den Spiegel ihrer Verfehlungen vorhalten darf. Wenn der Zuschauer bisweilen den Schmerz des Scheiterns nachempfinden kann, der der Geschichte zugrunde liegt, dann liegt das eher an Kate Winslets intensivem Spiel, und weniger an Leonardo DiCaprio, der stets einen Tick zu viel will und leider over-acted.

Fazit: Bemühtes 50er-Jahre Ehedrama, das trotz starker Kate Winslet und raffinierter Inszenierung ein wenig wie ein museales Ausstattungsstück daherkommt: 6 von 10 Seelentröster-Martinis!

Dominik Rose
19.01.2009

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774 Stimmen
Schnitt: 5
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Leser-Kommentare:
Olaf (20.01.09): Ich kann Dominik nur zustimmen. Zwar ist die Thematik des Filmes für jeden 30something irgendwie aktuell, allerdings hat mich die behäbige Erzählweise sehr gestört; und die fehlende Entwicklung der Charaktere zwischen jung, abenteuerlustig und "alt", verzweifelt im Film.
Von mir ebenfalls nur 6 von 10 weise Verrückte.

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