Sieben Mulden und eine Leiche
Dokumentarfilm, Schweiz 2007, 81 Minuten, ab ??
Originaltitel: Sieben Mulden und eine Leiche; Deutschlandstart: 17.04.2008 (Neue Visionen); Regie: Thomas Haemmerli; Produktion: Mirjam von Arx ; Drehbuch: Thomas Haemmerli; Musik: Adrian Frutiger, Alexander T. Fähndrich; Kamera: Thomas Haemmerli, Ariane Kessissoglou, Erik Haemmerli; Schnitt: Daniel Cherbuin

mit Thomas Haemmerli, Erik Haemmerli u.a.

Filmplakat
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Trailer (ican films )
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Meine Eltern reisen durch die Welt, sind begütert und führen ein fesches Leben. Wir haben 62 Millionen Franken Schulden sowie 40 Katzen. - Thomas Haemmerli fasst die Situation zusammen.

Plot: Ausgerechnet an seinem 40. Geburtstag erfährt Thomas Haemmerli vom Tod seiner Mutter. Mit einer gewissen Unordnung rechnend machen sein Bruder Erik und er sich auf den Weg, das Haus für die Übergabe auszuräumen. Doch was sie vorfinden, übersteigt ihre schlimmsten Befürchtungen und erklärt, warum ihre Mutter seit Jahren keine Gäste mehr hatte: Das Haus ist bis unters Dach vollgestopft und zugemüllt, verdreckt und versifft, trotzt locker einem Jahresvorrat an Mülltüten, ein Durchkommen ist beinahe nicht mehr möglich. Doch anstatt an der bloßen Vorstellung zu verzweifeln, diesem Müllberg Herr werden zu müssen, nehmen die Haemmerlis mit einem sehr breiten Grinsen und einer Videokamera den Kampf auf. Es entwickeln sich zwei Handlungsstränge: Während das Haus immer leerer wird, offenbart sich an altem Filmmaterial und Fotos die Geschichte einer Familie, die langsam im Chaos versank.

Kritik: Der Kölner würde sagen: Es gibt Sachen, da kannste nur noch drüber lachen! Und genau das tut Thomas Haemmerli hier mit Herzenslust. Der schweizer Fernsehjournalist, der aus Gewohnheit stets eine Videokamera dabei hat, fängt genau da an, wo andere lieber aufhören, wegschauen oder verschweigen, um sich oder die Familie in kein schlechtes Bild zu rücken. Doch von Haemmerlis Verwandtschaft ist niemand mehr da, der ein Veto einlegen könnte und der Mutter kann es auch egal sein. Und genau an dieser Stelle findet sich der Grund für diesen außergewöhnlichen Dokumentarfilm: Passieren tut so was oft, nur gezeigt wird es selten, schon gar nicht in einer solch leichtfüßigen, selbstironischen Art!
In einer Tour-de-force, die gleichzeitig die Lachmuskeln strapaziert wie auch zum Nachdenken anregt, begleitet Haemmerli die Aufräumarbeiten, während der sich das Haus langsam aber sicher in sieben „Mulden“ entleert.
Dabei wird das gefundene Film- und Fotomaterial geschickt gegengeschnitten und es wird deutlich: die Haemmerlis beseitigen nicht nur das Chaos im Haus, sie ziehen auch aus dem Leben ihrer Mutter aus und räumen dabei gleich mit ihrer eigenen Vergangenheit auf.

Auf der einen Seite werden sowohl die Mutter als auch der Vater gnadenlos in ihrer Instanz als Eltern demontiert (wobei die Brüder nicht mal vor sich selbst zurück schrecken), auf der anderen Seite wird auch das komplizierte Leben der beiden, ihre gescheiterte Ehe und der langsame Verfall der Mutter aufgerollt, die das Wirrwarr ihres Lebens auf ihr Haus übertrug. Doch selbst wenn peinliche Details offenbart werden (und ich meine jetzt noch nicht einmal Szenen wie die mit dem Dildo, an der so mancher Zuschauer aneckte), Haemmerli lacht seine Mutter zu keinem Zeitpunkt aus: Im Gegenteil, er behandelt sie trotz allem mit liebevollem Respekt, rechnet lediglich mit ihr und ihrer Vergangenheit ab, lacht über das Ausmaß der Verwüstung und ihre genial-furchtbare Art und zeigt gleichzeitig ihren Weg dorthin.
Dabei wurde die Masse an Material von Cutter Daniel Cherbuin so rasant und pointiert aneinander geschnitten, dass sich geradezu ein Feuerwerk an Bildern und Gags über den Zuschauer ergießt, dem nur wenig Zeit zum Luftholen bleibt. Besonders gelungen fand ich in dieser Hinsicht den Werdegang des Scheidungskriegs, der mit dem Fallenlassen von Schrott in die Mulden untermalt wird. Wer die Wartezeit bis zum Deutschlandstart überbrücken und schon mal einen Vorgeschmack bekommen will, sollte einmal das Muldenspiel auf der offiziellen Website (s.o.) spielen.
Wenn am Ende selbst die See-Bestattung nicht ganz nach Plan verläuft und unerwartete Komplikationen auftreten, unterstreicht dies geradezu die unausgesprochene Message der Brüder: „Ruhe in Frieden, Mutter, aber ruhe bitte!“
Ich zumindest hatte nach dem wahren Genuss dieses Films zurück in meinen eigenen vier Wänden erst einmal das dringende Bedürfnis, wieder Ordnung zu schaffen!

Fazit: Ein Dokumentarfilm zum Tränen Lachen und eine Anregung zum Saubermachen, der verdient den Publikumspreis auf dem Dokumentarfilmfestival Duisburg 2007 gewann. Gleichzeitig Gagfeuerwerk und gnadenlose Schocktherapie in einem für jeden Messie und all diejenigen, die in Gefahr sind, welche zu werden. Mit einem breiten Grinsen, sehr viel Humor und Selbstironie fängt Thomas Haemmerli da an, wo die meisten anderen Halt machen würden. Ach ja, und der junge Kofi Annan spielt auch noch mit. 9 von 10 Katzen mit lebenslänglicher Aussicht auf fish-and-chips.

Nikolas Mimkes
03.01.2008

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